Der Glückliche und der Unglückliche

Estland - Zaubermärchen - 735

Es waren einmal zwei Bauern, die lebten nicht weit voneinander.
Der eine war reich, der andere war arm. Der Arme war freilich auch ein fleissiger Arbeiter, aber dennoch wurde er nicht reicher als er war.
Einmal ging er nachts aufs Feld, um dort nachzuschauen, aber – o Wunder – was sah er da? Er sah, wie ein Mann auf dem Feld des Reichen Roggen säte.
«Was tust du hier?», fragte der Arme.
«Ich säe Roggen!», war die Antwort.
«Nun, wann kommst du denn auf mein Feld säen?», fragte der arme Mann.
«Niemals.»
«Weshalb säst du denn auf dem Felde des andern?»
«]a, ich bin eben sein Glück!»
«Nun, wo ist denn mein Glück?», fragte der Arme.
«Dein Glück schläft dort neben jenem grossen Steine», sprach der Sämann.
Der Arme eilte zum Stein, um sein Glück zu wecken. «Höre, Mann, steh auf und geh Roggen säen!»
«Ich gehe nicht», antwortete der Schläfer.
«]a, warum gehst du denn nicht?», fragte der Arme.
«Nun, ich bin doch kein Landwirtsglück.»
«Aber du bist doch mein Glück!»
«Ja freilich», sagte der Schläfer; «wähl dir nur ein anderes Handwerk, dann werde ich schon dein Glück sein.»
«Was soll ich denn werden?», fragte der Arme.
«Werde Kaufmann!»
Sogleich ging der Mann nach Hause, verkaufte sein Haus und eröffnete in der Stadt einen Laden. Nun bekam er sein Glück – und er lebt heute noch glücklich.

Quelle: Tausend Tore in die Welt, Märchen als Weggeleit, Otto Betz / Ilse Hahn(Hrsg.), Freiburg 1985, 29.